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Akko

Datum: September 2011
Tisch: 25 Meter
Team: Reiner Hofmann, Johannes Volkmann, Natalia Saied
Film: Broka Herrmann, Karin Mallwitz
Foto: Johannes Volkmann
Partner: Goethe-Institut Tel Aviv: Georg Blochmann, Yael Goldmann, Community Center of Old Acco: Ahmad Swaeed

Auf unserem Weg über die Grenze nach Israel wunderten wir uns, warum hier alles so schön begrünt war, fuhren wir doch kurz zuvor noch durch ein karges Land. Es sind wohl die Israelis die „ihr Land“ besser pflegten, so dachten wir. Wie wir jedoch erfuhren, war das israelische Militär dafür verantwortlich, welches aus Sicherheitsgründen das Grenzgebiet auf palästinensischer Seite rodete. Wir erreichten nach zwei Stunden Autofahrt die Hafenstadt Akko.

Reisebericht von Gisela Dachs

Menschen, die glücklich sind, haben keine Zeit zum Hassen.

Drei Tage zuvor war der Tisch noch in Bethlehem gestanden. Dort hatten die Teller geduldig die Gedanken der Palästinenser aufgesaugt, die in dem seit 1995 von der Autonomiebehörde regierten Städtchen im Westjordanland leben – und eben auch leben müssen. Denn bisher haben die Machthabenden beider Seiten dabei versagt, sich auf ein Friedensabkommen zu einigen – eines, das den Palästinensern ein Ende der Besatzung und den Israelis Sicherheit bescheren würde. Jetzt steht der Tisch, auf der anderen Seite, in Israel.

Schauplatz ist die Altstadt von Akko, einer kleinen Stadt im Norden Israels voll von jüdischer, byzantinischer, muslimischer Geschichte – und Geschichten. Um zu dem Tisch vorzudringen, muss man erst durch den „(türkischen) Basar“. Hier werden Bauchtanzkleider, Baklawa und Granatapfelsaft auf Arabisch und Hebräisch feilgeboten. An einem Stand gibt es T-Shirts mit dem Aufdruck „Don´t worry, be Jewish“. Zwei Drittel der Einwohner sind Juden, viele davon Neueinwanderer, ein Drittel Araber, die meisten von ihnen leben in der Altstadt. Das macht diese Stadt zu einem interessanten Ausschnitt Israels, wenn auch zu keinem soziologischen Abbild. Akko ist Provinz. Hier wünsche man sich zum alljährlich Kulturfestival lieber Feuerschlucker, so der Leiter des Tel Aviver Goethe-Instituts Georg Blochmann, als eine Installation aus Nürnberg.

Der Tisch ist kleiner als sonst, „nur“ fünfundzwanzig Meter, weil sein Standort in einem Innenhof ist. Der wiederum ist nicht so leicht zugänglich und Papierkünstler Johannes Volkmann macht sich Sorgen um die freie Öffentlichkeit für sein Projekt. Sorgen, die sich aber bald in Luft auflösen. Denn kaum steht die Installation, entwickelt sie sich zum Forum. Ihre Meinung zu äußern, laut oder leise, gedruckt oder geschrieben, damit hatten Israelis, egal welcher Herkunft, noch nie ein Problem. 

Es ist gerade Sukkot, das jüdische Laubhüttenfest, da machen viele religiöse Familien Ausflüge. Vater, Mutter und zwei Kinder kommen als erste. Er schreibt von der „Treue zur Bibel, zu Gott und dem Land Israel“. Die Frau wünscht sich „Frieden“. Der Junge hofft, „Dass es mir gut gehen wird, dass ich beim Rechnen Erfolg haben werde, dass es dem jüdischen Volk gut geht“.

Patriotische Glaubensbotschaften, wie sie in der pulsierenden Mittelmeermetropole Tel Aviv kaum einer formulieren würde. „Gott gehört uns allen, es ist derselbe Gott“, wird später jemand aufschreiben, und daneben steht „Liebe statt Glaube“. „Zeit“ und „Innere Ruhe“, so die Tellerinschriften. An beidem mangelt es tatsächlich in der gehetzten jüdisch-israelischen Gesellschaft, in der Männer oft mehrere Jobs haben, um die vielköpfige Familie über Wasser zu halten, in der man sich aber kein Leben ohne Nachwuchs vorstellen kann. Stress gehört zum Alltag, den großen Nahost-Konflikt noch nicht einmal mitgerechnet. Die „Liebe zu den Kindern“, zur „Familie“ ist ein Thema, das ständig wiederkehrt. Sie gibt Halt in einer unsicheren Umgebung.

Moti ist einer, dem die Raketen der Hisbollah das Lachen genommen haben, so sagt er. Sie schlugen im Sommer 2006 in der elterlichen Wohnung ein und töteten seine beiden Brüder. Seither hat sich der heute 40-jährige vom einst lebenslustigen DJ zum schlaflosen Schauspieler verwandelt, der seine Tragödie immer wieder auf der Bühne spielt. Als Therapie, um darüber hinwegzukommen, um weiterzuleben und eines Tages vielleicht das Lachen wieder zu finden. „Gebt mir mein Glück zurück, weil Menschen, die glücklich sind, keine Zeit zum Hassen haben“, steht auf seinem Teller. Was ein wenig unglücklich formuliert ist. Denn eigentlich hasst er gar nicht. Sonst hätte er sich nicht entschieden, die Hornhaut der Augen seiner Brüder an arabische Israelis zu spenden, die seither wieder sehen können. Moti redet von einer Eingebung, der er mit dieser Entscheidung gefolgt war, „weil ich diese Anfrage aus dem Klinikum zuerst mit Entsetzen abgelehnt habe“. Er ist froh, dass es so gekommen ist.

„Das Lächeln wiederzuerlangen“, steht auch auf einem anderen Teller. Wir kennen die Geschichte nicht, die sich dahinter verbirgt. Aber in Israel hat eigentlich jeder eine Geschichte mit schmerzhaften Kapiteln – wobei sich Privates und Politisches oft vermischen. Kriege und Bomben, Krankheiten und Familientragödien.

Unbezahlbar ist „Das Lächeln. Das niemals verschwindet, auch den schwierigsten Zeiten trotzt.“ – und „Die Fähigkeit, verzeihen zu können.“ In Washington werden demnächst wieder einmal Friedensgespräche beginnen, aber so richtig glaubt im Moment keiner daran, dass sie vielleicht diesmal doch ein gutes Ende nehmen könnten. Zu oft hat man es probiert, zu oft war man gescheitert. 

Eskapismus nennt man den Trend, der dazu geführt hat, dass sich viele Israelis – aus Frust oder Verzweiflung über diese endlosen Versuche – längst von ihrer legendären Nachrichtensucht befreit haben. Sie politisieren Zuhause weniger als früher, ziehen sich ins Private zurück wie in ein Schneckenhaus mitten im Sturm. Diesem Rückzugsraum sind viele Teller gewidmet. „Einen Pinsel nehmen, und in die Welt der Fantasie eintreten.“ „Malen, Fotografieren, auf der Bühne stehen“, „Das Gefühl, aufzutreten und auf der Bühne zu singen.“ Irgendwo dazwischen tauchen auch immer wieder Versöhnungsbotschaften auf. „Eine Hand und noch eine Hand aller Farben erschaffen eine wunderbare Zeichnung.“ 

Hätten unterschiedliche Sprachen verschiedene Farben, würde der Tisch bunt aussehen. Auf Russisch schreibt eine Mitvierzigerin von der „Fähigkeit sich auszudrücken, zu teilen, zu genießen.“ Sie ist aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert, lebt schon seit vielen Jahren im Land, aber greift in so einem Fall auf natürliche Weise auf ihre Muttersprache zurück. Das liege ihr näher, sagt sie. Neugierig blickt eine ältere Dame auf das Schild, auf dem vom Nürnberger Papiertheater die Rede ist. Sie stammt aus den USA, lebt seit Jahren in Israel und wurde in Deutschland geboren. Dann erzählt sie von ihrem jüdischen Großvater, der im Ersten Weltkrieg als deutscher Soldat gedient hat und den auch sein Eisernes Kreuz nicht vor der Deportation 1942 nach Theresienstadt schützte, wo er ermordet wurde.

Sein Sohn hatte vergeblich versucht, ihn rechtzeitig zur Flucht vor den Nazis zu überreden und bestieg schließlich ein Schiff nach Amerika – ohne ihn, aber mit seiner Frau und drei Kindern. Eines von ihnen ist diese ältere Dame mit eingerostetem Deutsch. Ob sie etwas in ihrer Muttersprache schreiben möchte? Nein, das schaffe sie nicht, entschuldigt sie sich. „A wish for peace everywhere“, schreibt sie dann auf. Ihr Mann schließt sich an.”May the world of my generation see what our children see and help us grow into wisdom.” – Ein schöner Satz. 

Tausend Teller werden am Ende beschrieben sein. Einige Dutzend sind auf Arabisch. Sie sind in blumiger Sprache verfasst, klingen fast poetisch, wie es sich für das geschriebene Arabisch gehört. „Wenn das Meer austrocknet, mein Liebster gestorben ist, die Erinnerung bleibt.“ Oder: „Die Erde ist für den Frieden geschaffen.“ Dann tritt man wieder hinaus aus dem schattigen Innenhof, in die Hitze der Sonne, die nicht mehr ganz so drückend ist, mit dem Nachhall des Satzes im Kopf, der zuletzt auf Hebräisch gemalt worden war: „Dass es gut sein wird, die Hoffnung nicht zu verlieren.“

Akko

Date: September 2011
Table: 25 Meter
Team: Reiner Hofmann, Johannes Volkmann, Natalia Saied
Film: Broka Herrmann, Karin Mallwitz
Photo: Johannes Volkmann
Partners: Goethe-Institut Tel Aviv: Georg Blochmann, Yael Goldmann, Community Center of Old Acco: Ahmad Swaeed

When we crossed the border to Israel we wondered why everything here was so beautifully green, seeing we had just been driving through a barren landscape. It must be the Israelis looking after “their land“ better, we thought. But we found out this was a result of the Israeli military who for safety reasons cleared the border areas on the Palestinian side. After two hours’ drive we reached the harbour town of Akko.

Report by Gisela Dachs

Happy people have no time to hate.

Three days ago, the table had been set up in Bethlehem. There the plates had patiently taken up the thoughts of the Palestinians who since 1995 have lived and have had to live in this town on the West Bank, governed by the Palestinian National Authority. For so far, the rulers of both sides have failed to come to a peace agreement – which would bring the end of occupation to the Palestinians and security to the Israelis. Now the table is set up on the other side, in Israel.

The location is the Old Town of Akko, a small town in the north of Israel, full of Jewish, Byzantine and Muslim history – and stories. To get to the table, you first have to cross the “(Turkish) Bazaar”. Anything from belly dancing clothes, to baklava, and pomegranate juice is peddled here – in Arab and Hebrew. At a stall, you can buy T-shirts printed with “Don’t worry, be Jewish”.

Two thirds of the population are Jews, many of them recent immigrants, one third is Arab, most of them living in the Old Town. This makes the town a very interesting snippet of Israel, although not a sociologically correct image of the country. Akko is a provincial town. For the annual cultural festival, they’d prefer a fire-eater to an installation from Nuremberg, says Georg Blochmann, the head of the Tel Aviv Goethe-Institut.

The table is smaller than usual, “only” twenty-five metres, because it is located in a courtyard. It is not very easy to get to, and paper artist, Johannes Volkmann, is worried whether there will be free public access to his project. But all his worries soon vanish into thin air. As soon as the installation is set up, it develops into a forum. Voicing their opinions, loudly or softly, in print or in handwriting, has never been a problem for Israelis, regardless of their origin. It is the Feast of Sukkot, the Jewish Feast of Tabernacles, when many religious families go on outings. The first to come are father, mother and two children. He writes about “faithfulness to the Bible, to God and to the country of Israel”. His wife longs for “Peace”. The boy hopes “that I will be well, that I will have success in maths, and that the Jewish people will be well.” 

Patriotic messages of faith which hardly anybody would write in the vibrant Mediterranean metropolis of Tel Aviv. “God belongs to all of us, and it is the same God”, somebody else will write later, and next to it, somebody has added: “Love, not Faith”. ”Time” and “inner tranquillity”- further statements on plates. And actually both are hard to find in the rushed Jewish-Israeli society where men often hold several jobs to keep the many members of their family fed and watered, but where a life without offspring is unimaginable. Stress is part of everyday life, and that is not counting the major Middle East conflict.

”Love for my children”, for the “family” is an ever recurring topic. It gives some foundation in an insecure environment. Moti is a man who was robbed of his laughter by Hezbollah rockets, he says. In summer 2006, they hit his parents’ living room and killed his two brothers. Since then the now 40-year-old has turned from formerly fun-loving DJ to sleepless actor forever replaying his tragedy on stage – as therapy to get over it, to keep on living and one day maybe even find his laughter again. “Give me back my happiness, for happy people have no time to hate” is written on his plate. A slightly unfortunate wording, for he does not really hate. Otherwise he would not have agreed that his brothers’ corneas were donated to Arab Israelis to restore their sight. Moti talks about an inspiration he followed when making this decision, “because at first I was appalled and rejected this request from the clinic.” Now he is happy that things developed as they did.

”Getting my smile back” is also written on another plate. We don’t know the story behind this statement. But in Israel, everybody has a story with some painful chapters – often with private and political aspects intermingled. Wars and bombs, diseases and family tragedies. Priceless: “the smile which never disappears and even defies the hardest of times” – and “the ability to forgive”. In Washington, peace talks will begin again soon, but nobody really believes that maybe this time they will come to a good end. They have tried – and failed – too often. 

Escapism has become the trend amongst many Israelis – from frustration or despair about these endless peace attempts – giving up their almost legendary craving for news. They talk less politics at home, they retreat into their private lives, their shelter in the middle of the storm.

Many plates are dedicated to this place of retreat: “Taking up a paint brush and entering the world of imagination” – “painting, taking photographs, standing on stage” – “the feeling to go on and sing on stage”. Amongst all of this, again and again there are messages of reconciliation. “A hand, and another hand, hands of all colours creating a wonderful drawing.”

If there was a colour for each different language, this would be a very colourful table. A woman in her mid-forties writes in Russian about the “ability to express oneself, to share, to enjoy”. She immigrated from the former Soviet Union, has been living in the country for many years, but in situations like this naturally reverts to her mother tongue. It is nearer to her, she says. An elderly lady curiously studies the sign which talks about the Nuremberg Paper Theatre. She is from the USA, has been living in Israel for years and was born in Germany. Then she talks about her Jewish grandfather who served as a German soldier in World War I, and whose Iron Cross did not save him from being deported to Theresienstadt in 1942, where he was murdered. His son had tried in vain to convince him to flee from the Nazis in time, and finally

boarded the ship to America without him, but with his wife and three children. One of these children is the elderly lady with her rusty German. Does she want to write something in her mother tongue? No, she would not be able to do that, she says apologetically. “A wish for peace everywhere”, she then writes. Her husband joins her: ”May the world of my generation see what our children see and help us grow into wisdom.” – A beautiful sentence. 

In the end, a thousand plates are inscribed. Several dozen are in Arabic. They are written in very flowery language, almost poetic, as Arabic should be written. “When the seas run dry, when my lover has died, the memory remains.” Or: “The world was created for peace.” Then you step out from the shady courtyard, into the heat of the sun which is no longer quite so sultry any more, with echoes of the last sentence that was written in Hebrew: “That it will be good never to lose hope”.